Grundlage für Verständigung ist Sprache

Interview mit der ehemaligen SMG-Lehrerin Frau Gerner, die jetzt ehrenamtlich Flüchtlingen Sprachunterricht gibt.

Integration*. Dieses Wort begegnet uns zurzeit recht häufig, wenn über die aktuelle Flüchtlingsproblematik gesprochen wird. ‚Flüchtlinge sollen sich integrieren. Sie sollen Deutsch lernen!‘ Solche Aussagen hört man oft. Doch wie sieht die Umsetzung von ‚Integration‘ aus?  Zwei aus unserem Team haben sich dazu mit Frau Gerner, einer ehemaligen Lehrerin des SMG, getroffen. Sie engagiert sich ehrenamtlich und gibt Flüchtlingen Sprachunterricht, um ihnen unsere Sprache und Kultur näher zu bringen, und sie war bereit, uns ein paar Fragen zu dem Thema zu beantworten.

Warum haben Sie sich entschieden, Sprachunterricht für Flüchtlinge zu geben?

Also, es gab drei verschiedene Gründe. Erstens wurden Leute gebraucht, zweitens bin ich im Ruhestand und da hat man auch Zeit so etwas zu tun, und drittens habe ich eigentlich schon immer gerne unterrichtet und Freude daran, die Fortschritte zu sehen, und Spaß daran, mit Menschen zu arbeiten.

Wie sind Sie die Sache angegangen?  Welche Gefühle hatten Sie vor Ihrer ersten „Unterrichtsstunde“?

Es war ein gewisses Gefühl der Unsicherheit. „Was erwartet mich da?“ Denn die Mackenmühle in Pleinfeld war ja die erste große Einrichtung im Landkreis insofern… Ja, das Gefühl der Unsicherheit. „Was erwartet mich? In welchem Zustand sind die Menschen, die dort sind?“ Man hatte das zu diesem Zeitpunkt nur aus der Presse und aus dem Fernsehen gekannt.

Natürlich habe ich mich dann auf meine erste Unterrichtsstunde perfekt vorbereitet. Das war im Nachhinein aber sehr lustig, weil es nämlich kein Unterricht war. Es lief überhaupt nicht wie Unterricht ab! Denn es war eine völlig heterogene (unterschiedliche) Gruppe von den Lernvoraussetzungen, vom Alter, von der Nationalität her. Das Lernumfeld war auch eine Katastrophe, weil wir keinen Unterrichtsraum hatten, wir hatten keine Unterrichtsmittel, wir hatten also gar nichts. Weder die Lehrer noch die Schüler. Ich musste eine Tafel organisieren – ein Flip Chart haben wir bekommen – aber es hat trotzdem an allem gefehlt. Es waren auch keine Bücher da, mit denen wir hätten unterrichten können.

Wie war Ihr erster Eindruck von der Situation in der Notunterkunft für Flüchtlinge? Wie war der Unterricht?

Also, man ist am Anfang in eine große Halle reingekommen. Da waren einzelne Parzellen abgeteilt mit Bauzäunen, die mit Plastikfolien verkleidet waren, wo dann die Leute gewohnt haben. Ein Teil der Halle war abgetrennt, wo sie essen konnten und wo dann auch der Unterricht stattfand. Ihr könnt euch vorstellen, in der einen Ecke haben sie Tischtennis gespielt, in der anderen sind Kinder mit dem Roller herumgefahren, wieder andere haben laut telefoniert; „Wie soll man da Unterricht halten?“ Wir haben also gefragt, ob wir nicht ein Zimmer haben können. Die haben uns dann so ein dunkles Eck abgeteilt. Also es war ungünstig. Und allein schon der Lärmpegel! Dagegen ist es hier in der Schule klösterliche Stille.

Und von Unterricht im eigentlichen Sinn kann man auch nicht sprechen, da, wie gesagt, zum einen viele verschiedene Nationalitäten dabei waren. Das ging von Syrern über Vietnamesen, Irakern, Ukrainern, Leuten aus dem Kosovo…. Also, alle möglichen Nationalitäten und Sprachen. Dann vom Bildungsstand her: ich hatte sowohl Studierte mit Beruf, einen Ingenieur, eine Studentin aus dem Iran und ein Mädchen aus Vietnam (die war ganz toll) und die Ukrainer, die wirklich lesen und schreiben konnten, aber auch solche, die das nicht konnten. Und dadurch, dass das ein Erstaufnahmelager war, sind die eben alle gekommen, und teilweise ganz schnell – nach 2 bis 4 Wochen – wieder weg gewesen. Das heißt, der Unterricht war nicht kontinuierlich. Und ich bin jedes Mal mit der Ungewissheit dahin gegangen: „Was ist denn heute? Wer kommt heute zum Unterricht?“ Die, die länger da waren, kamen schon regelmäßig. Ich habe dann auch meine Vorstellung von Unterricht revidiert und einfach zwei große Körbe gepackt mit Gegenständen des alltäglichen Lebens.  Also Löffel, Gabeln, Obst hatte ich immer dabei, und Kekse für die Kinder. Manche, das habe ich auch gemerkt, die konnten gar nicht schreiben. Dann habe ich das Alphabet mit ihnen gemacht. Also, von Unterricht würde ich nicht reden. Das war ein erstes Kennenlernen der Sprache und der Kultur.

Wie alt waren Ihre ‚Schüler‘ ungefähr?

Es ging bei 3 los bis 70 würde ich sagen. Und je nach Kulturkreis hatte ich nur Männer – ich weiß nicht, was mit den Frauen war –  die habe ich dann zu meinem Auto geführt und habe ihnen die Teile auf Deutsch erklärt. Das hat ihnen sehr gut gefallen. Natürlich habe ich mal wieder Kupplung und Bremse verwechselt, das hat ihnen dann noch besser gefallen. *lacht* Und es waren auch alle ganz verschieden. Einmal hatte ich eine Gruppe, die wollten dann unbedingt ‚Beim Arzt‘, und dann haben wir die Körperteile besprochen. Sachen wie Kopf, Ohren etc. und Sätze wie „Ich habe Halsweh.“

Bezüglich der Verständigung kann man sagen: es war eigentlich fast immer jemand da, der Englisch gesprochen hat, so dass man sich verständigen konnte und der für die anderen übersetzt hat. Und das fand ich auch toll! Egal, welche Nationalität, sie haben sich das, was ich versucht habe, ihnen zu verklickern, gegenseitig erklärt. Es war immer jemand da. Zum Beispiel war da ein ukrainischer Junge, der war höchstens 10, der war fit. Wie überhaupt die Kinder am allerschnellsten gelernt haben. Das Zählen mit Gummibärchen und die Farben…

Ich habe immer einen Kochtopf dabei gehabt und da war immer ‚die Überraschung‘ drin. Und das haben sie nach dem zweiten Mal sofort gewusst, dass da Gummibärchen oder Kekse oder Erdbeeren (wenn es welche gab) drin waren. Da waren sie immer begeistert.

Wie schnell haben sie gelernt?

Das war sehr unterschiedlich. Man hat auch die verschiedenen Kulturen sehr gut sehen können, wie sie sich gegenüber dem Lehrer verhalten haben und wie sie sich überhaupt verhalten haben. Zum Beispiel die Vietnamesin war wirklich klug und die hat jedes Wort mitgeschrieben, das ich gesagt habe. Aber die hat nur etwas gesagt oder geantwortet, wenn sie gefragt wurde. Und sie hätte sicher schon etwas sprechen können, doch sie hat von sich aus nichts gesagt. Der kleine Ukrainer, der hat genau gewusst, was er sagen kann und war immer am Plappern. Das ist ja auch das Wichtigste beim Sprachen- Lernen. Aber von einem wirklichen Lernfortschritt könnte man da jetzt auch nicht sprechen. Wie gesagt, sie haben einmal Deutsch gehört. Sie sind ja auch in diesem Lager sehr weitab von allem. Das ist ein paar Kilometer von Pleinfeld weg. Freilich war dort die Security, aber das waren auch nicht alles Deutsche. Dann gab es die Ehrenamtlichen und die Mitarbeiter der Diakonie, das waren die Deutschen, aber sonst haben sie eigentlich nie einen ‚richtigen Deutschen‘gesehen.

Aber Lernfortschritt… Das Wort passt einfach nicht. Sie haben sich sehr gefreut, wenn ich gekommen bin und manche haben gesagt, ich soll jeden Tag kommen. *lacht* Das wäre natürlich zu viel! Ich war nur einmal die Woche dort, um zu unterrichten; meistens freitags oder Samstag Morgen und bin ich dann, je nachdem, eine Stunde geblieben oder manchmal auch länger. Das war relativ unstrukturiert. Aber ich denke trotzdem, dass es den Leuten etwas gebracht hat.

Was haben Sie persönlich aus diesen ‚Unterrichtsstunden‘ mitgenommen?

Naja… Es ist das Wichtigste, dass jemand, der fremd in ein Land kommt, die Sprache und sich ausdrücken lernt und etwas versteht, weil sonst geht gar nichts mit Integration. Die Leute sollen ja auch einmal arbeiten bei uns und dafür sind Deutschkenntnisse einfach nötig. Sie können auch unsere Werte nicht verstehen, wenn sie die Sprache nicht verstehen, jedenfalls bis zu einem gewissen Grad. Natürlich freut es einen und es tut einem auch gut, wenn man sieht, die Kinder lernen ganz schnell das Zählen oder so. Auch bei machen Erwachsenen konnte man schon einen Fortschritt sehen. Und von diesem Fortschritt lebt der Lehrer, so muss man das sagen. Wenn man unterrichtet und es macht einem Spaß, dann geht man in dieser Tätigkeit auf. Das ist zwar auch sehr anstrengend, das merkst du schon, aber du vergisst alles um dich herum – auch das Chaos – und kommunizierst mit den Leuten und das ist das Tolle, wenn du merkst: „Oh, sie haben dich verstanden! Sie wollen mit dir reden! Egal wie!“ Mit den Frauen hab ich dann über das Kochen geredet, dann habe ich einmal Nähzeug mitgebracht… So kamen wir ins Gespräch… Über die Kinder kamen wir auch ins Gespräch…  Das ist das, was ich davon gehabt habe: eine erfüllte Zeit und das Gefühl, etwas Sinnvolles getan zu haben. Etwas Sinnvolles und dringend Nötiges!

Und inwiefern hilft die Regierung mit?

Unsere Regierung tut zwar hier und da etwas, aber es ist immer noch kein Konzept vorhanden. Also, was denn nun zu geschehen hat mit diesen Leuten, die hier sind oder die ankommen, was sie können müssen. Und ich denke, das könnte man festlegen. Sie müssen alle Deutsch bis zum Niveau A1 (unterster europäischer Referenzrahmen) lernen. Und der Unterricht sollte auch von ausgebildeten staatlichen Lehrern gehalten werden, nicht von irgendwelchen Ehrenamtlichen! Dadurch wäre auch ein großer Teil der Integration geschafft. Die Regierung braucht einfach ein Konzept und das muss allgemein für alle gültig sein. Basta! Ich meine, jetzt ist es hier schon besser organisiert – es wird aus den Erfahrungen gelernt – und da hat jemand die Leitung, aber das ist nicht unser Staat. Der Staat sollte Interesse daran haben, dass da Ordnung reinkommt. Sie sollten den Leuten Arbeit geben, irgendetwas zu tun, dass sie das Gefühl haben, sie verdienen sich den Aufenthalt. Ein Einwanderungsgesetz à la Kanada oder Schweiz: ein Punktesystem mit Voraussetzungen, das müssen alle können… Aber die Leute müssen auch als Menschen behandelt werden und nicht in eine Unterkunft gepfercht werden und dann macht man gar nichts. Ich denke, die Behörden und die Regierung sind schon von dem Problem überrollt worden, obwohl sie eigentlich damit hätten rechnen können…

Wie wichtig ist es, dass sich Schüler hier engagieren und mithelfen?

Das wäre, denk ich, auch extrem wichtig, weil ihr seid ja die Generation, die dann mit diesen Menschen leben müssen. Insofern ist das wirklich wichtig. Und dass ihr euch auch gegenseitig kennenlernt und dieser „clash of cultures“ möglichst abgefedert wird, denn ich denke mit den Muslimen wird es schon Probleme geben. Die haben andere Vorstellungen und andere Werte und unsere müssen ihnen, wenn sie da sind, nahegebracht werden. Es ist wichtig, dass man sich gegenseitig kennenlernt und sich versteht. Die, die hier bleiben wollen, müssen eben unsere Werte akzeptieren. Sonst geht unsere Gesellschaft den Bach runter.

Für die Zukunft würde ich sagen, wir müssen uns alle engagieren! Auch deshalb, damit es eben nicht so ausartet wie mit diesen Rechtsradikalen. Aber hätte man rechtzeitig die Bevölkerung darauf vorbereitet, was ungefähr auf uns zukommt – genau konnte es ja keiner wissen – und wie wir damit umzugehen gedenken… Da sind wir wieder: wenn wir ein Konzept und einen Plan hätten, wenn unsere Regierung sagen würde: „So machen wir es“, dann könnten diese Rechten gar nicht so hochkommen. Aber wenn ich natürlich hier dieses Gefühl hinterlasse: „Wir sind alle mehr oder weniger hilflos!  Jeder muss sich selber schützen“, dann ist das schlecht! Dann können auch Gerüchte entstehen, und das ist auch schlecht! Etwa, dass sie im Supermarkt klauen dürfen und so, was natürlich nicht stimmt! Ich meine, die haben hier zu essen und leben in Frieden. Und das, denke ich, muss man auch betonen: dieser Frieden kommt von unserer Gesellschaft, weil wir versuchen Konflikte friedlich auszutragen und weil jede Religion gleich viel wert ist.

Pusteblume: Liebe Frau Gerner, vielen Dank für dieses sehr informative Gespräch!

*Integration: der Vorgang, dass jemand bewusst durch bestimmte Maßnahmen dafür sorgt, dass jemand ein Teil einer Gruppe wird.

Allein in einem fremden Land

 Täglich machen sich tausende Flüchtlinge auf den Weg nach Europa, in der Hoffnung, hier ein besseres Leben zu finden. Unter ihnen auch der junge Afghane Sharif, der als UMF, also als Unbegleiteter Minderjähriger Flüchtling, nach Deutschland kam. Nach einem 2- wöchigen Aufenthalt in München wurde die Wülzburg in Weißenburg zu seinem neuen Zuhause. Wenn er nicht gerade in der Schule ist oder seiner Ausbildung als Kfz-Mechatroniker mit großem Eifer nachgeht, trifft man ihn entweder auf dem Fußballplatz, wenn er mit seinen deutschen Mannschaftskollegen des SSV Oberhochstatt trainiert oder in Weißenburg beim Volleyballspielen. Aus gutem Grund wird er von seinem Vormund Frau Frei mit großem Lob beschrieben und aufgrund seines Eifers und Lernwillens als „Vorzeigeflüchtling“ bezeichnet. Wir haben uns für euch mit ihr und ihrem Schützling getroffen und ihnen einige Fragen gestellt.

 

Wann haben sie die Vormundschaft für Sharif übernommen und was sind Ihre Aufgaben dabei?

Sharif ist Anfang letzten Jahres als Minderjähriger nach Deutschland gekommen und gilt somit als UMF. Alle UMFs bekommen in Deutschland einen Vormund, den es auch in anderen Fällen für Jugendliche schon gibt, zum Beispiel bei Entzug des Sorgerechts oder wenn die Eltern vor der Volljährigkeit des Kindes sterben, quasi einen Eltern-Ersatz zur Seite gestellt, der sich um alles kümmert, wie z.B. Rechtsgeschäfte. Dadurch, dass Sharif jetzt hier alleine ist, habe ich das hier übernommen. Ich bin offiziell vom Jugendamt und vom Amtsgericht Weißenburg im März 2015 als dessen Vormund bestellt worden. Damals hatte gerade die Unterkunft speziell für UMFs eröffnet. Dort sind sie vorwiegend Jungs, da die Flucht für Mädchen um einiges gefährlicher ist als für Männer. Die Vormundschaft endet mit Vollendung des 18. Lebensjahrs und aufgrund der Pauschalisierung der Münchner Beamten, die, wenn sich die Jugendlichen nicht ausweisen konnten, einfach den 1.1. als Geburtstag festsetzten, ist er offiziell schon vollmündig. Sharif ist aber tatsächlich am 23.3.98 geboren, wurde also erst vor kurzem vollmündig, aber die Amtsvormundschaft hat trotzdem schon zum 1.1. geendet, eben, weil er sich nicht ausweisen konnte. Allerdings besteht für ihn die Möglichkeit, sein Geburtsdatum beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge richtig zu stellen.

 

Welche Erfahrungen haben Sie schon gemacht?

Ich hatte neben Sharif noch für zwei andere Jugendliche die Vormundschaft übernommen, die aber mittlerweile schon volljährig sind. Zu dem Zeitpunkt letztes Jahr waren allerdings sehr viele verunsichert. Es fing schon beim Amtsgericht an, auch die Situation in München war neu, deswegen musste man sich da ein bisschen durchschlagen, um überhaupt herauszufinden, was man überhaupt genau machen muss bei UMFs. Man musste es erstmal ausprobieren und das war auf alle Fälle interessant und interessant finde ich auch die Beobachtung, wie wahnsinnig schnell die Jugendlichen sich umstellen und lernen können. Gerade bei Sharif, der jetzt seit einem Jahr in Deutschland ist und wirklich schon sehr gut Deutsch spricht und schreibt, habe ich das erlebt. Ich kommuniziere mit ihm auch immer über den Nachrichtendienst „WhatsApp“ und ich verstehe es immer und auch die Grammatik kann er schon richtig anwenden. Sharif hat aber auch einen wahnsinnigen Willen, was man auch daran sieht, dass er innerhalb kürzester Zeit die Sprache gelernt und sich um einen Job bemüht hat. Am Anfang, als er hier ankam, war alles neu für ihn, er war dann in einer Extraklasse in der Berufsschule, in der erst einmal nur Deutsch unterrichtet wurde. Aber auch schon da hat man sein Engagement erkennen können, er wollte nämlich nachmittags und am Wochenende noch weiter lernen. In den Ferien hat er dann einige Praktika gemacht und hätte sogar zwei Ausbildungsstellen bekommen, und konnte sich so für die bessere entscheiden, die er am 1.12. angetreten hat. Mich freut es zu sehen, dass es für ihn jetzt aufwärts geht und er hier sicher ist.

 

Hat er schon ein Bleiberecht?

Also, sein Interview beim Bundesamt hatte er noch nicht, den Asylantrag, der auch unter meinen Aufgabenbereich fällt, habe ich letztes Jahr im März gestellt und man sieht, dass er immer noch nicht bearbeitet ist. Dadurch, dass er eine dreijährige Ausbildung macht, hat er einen Aufenthaltsstatus und kann durch das Projekt „3+2“ fünf Jahre in Deutschland sicher bleiben. Das nimmt eine große Last von seinen Schultern, da er immer Angst davor hatte, wieder zurück zu müssen.

 

Es heißt ja immer, es ist so schwierig mit der Kultur zurecht zu kommen, gab es irgendwelche Komplikationen?

Also zwischen uns beiden nicht, im Gegenteil, ich erlebe Sharif immer als sehr höflich, ganz ausgesprochen höflich, zwischen uns gab es nie Probleme, die kulturell bedingt waren. Auch mit seinen Mitbewohnern auf der Wülzburg gibt es keine Komplikationen. Obwohl sie sich von der Sprache zwar nicht immer verstehen, kochen sie zusammen. Probleme mit seinen teilweise sehr jungen Betreuerinnen sind mir auch nicht zu Ohren gekommen.

 

Was würden Sie sich wünschen, dass sich in der Gesellschaft und in der Politik ändert, damit es für Asylbewerber im Allgemeinen leichter wird?

Mein größter Wunsch ist es erst einmal, dass die Menschen in ihren Herkunftsländern in Frieden leben könnten, sodass es gar keine Asylbewerber mehr geben müsste. Denn ich sehe natürlich auch, dass Menschen, die zu uns kommen auch ein Stück weit entwurzelt werden und viel Negatives erlebt haben, und ich würde mir wünschen, dass man das den Menschen generell erspart. Man sieht es jetzt auch teilweise in den Medien, wie Familien oftmals über Wochen, Monate, manchmal auch über Jahre hinweg auf der Flucht sind und dazwischen immer wieder für lange Zeit in Camps sitzen. Aber auch wir Europäer müssen erkennen, dass wir durch unser Verhalten an den Fluchtursachen Mitschuld haben. Das fängt schon bei der Ernährung an. Wir wollen hier nur noch Hähnchenschenkel essen und machen damit den ganzen Hähnchenmarkt in Afrika kaputt, weil der Abfall dann dorthin kommt und die Afrikaner ihre eigenen Hähnchen nicht mehr vermarkten können. Außerdem machen wir den Markt auch indirekt dadurch kaputt, dass wir Kleider sammeln und nach Afrika schicken. Das hat zur Folge, dass sie ihre Kleider dann nicht mehr selber nähen und ihre Stoffe nicht mehr bearbeiten können. Wir sind mit unserem Verhalten auch dafür verantwortlich, dass es Menschen in anderen Ländern nicht immer so gut geht, auch durch Waffenlieferungen usw., und deswegen würde ich mir wünschen, dass sich die politisch Verantwortlichen dafür einsetzen, dass die Menschen in ihren Herkunftsländern leben können, dass die Herkunftsländer befriedet werden, und dass die Gelder, die wir zur Verfügung stellen, auch vor Ort dafür eingesetzt werden, dass es den Menschen dort besser geht.

 

Anschließend hat uns noch interessiert, ob Sharif noch Kontakt zu seiner Familie habe und diese auch vorhabe, nach Deutschland zu kommen.

„Ja, ich habe noch Kontakt und sie würden auch gerne nach Deutschland kommen, aber es ist nicht einfach, denn zum einen ist die Flucht sehr schwierig und außerdem sind meine Eltern schon ungefähr 40 und meine Geschwister noch sehr klein, es geht also leider nicht.“ Auf die Frage, was er sich für seine Zukunft wünscht, antwortete er ganz bescheiden mit: „Mir ist es wichtig, dass ich hierbleiben und meine Ausbildung zu Ende machen kann, denn in meinem Land geht das nicht, weil da immer Kämpfe sind.“

 

 

Linda K., Luisa W.

Spezial: Migration

Flucht und Vertreibung gibt es, seitdem es Menschen gibt. Ob Kriege oder Missernten, Umweltkatastrophen, Verfolgung wegen Religion oder politischer Überzeugung – die Gründe, warum Menschen ihre Heimat verlassen, sind vielfältig.

Bei uns in Deutschland leben viele Menschen, die ihre Wurzeln in anderen Ländern haben. Einige kamen, weil ihnen in Deutschland Arbeit versprochen wurde. Andere hatten Vorfahren, die vor langer Zeit aus Deutschland ausgewandert waren und nun zurückkehren wollten, weil sich die Situation in ihren Heimatländern verschlechtert hatte. Viele Menschen, die als Migranten zu uns gekommen sind, haben sich inzwischen so gut eingelebt, dass sie nicht mehr wegwollen. Doch letztes Jahr haben die Flüchtlingsströme so stark zugenommen, dass einige Leute in unserem Land befürchten, dass es zu Problemen durch die Migranten kommen wird – darunter auch ehemalige Zuwanderer wie russischstämmige Deutsche.

So kamen im Jahr 2015 etwa 1,1 Millionen Flüchtlinge nach Deutschland, der Großteil davon aus Syrien. Dort herrscht nämlich ein Bürgerkrieg zwischen den Anhängern des Diktators Baschar al-Assad und verschiedenen Rebellengruppen. Zu diesen gehört auch der IS, eine Terrororganisation, die den Krieg nutzen will, um einen „Islamischen Staat“ zu errichten und in den von ihr besetzten Gebieten Angst und Schrecken verbreitet.

Wegen dieser Bedrohungen flüchten die Menschen aus Syrien. Die meisten von ihnen wollen nach Deutschland, weil es hier gute Lebensbedingungen gibt und sicher ist.

CE

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Alltag eines Obdachlosen: ,,Penner‘‘ gleich ,,Penner‘‘?

Viele Menschen wissen zwar um die schwierige Situation von Obdachlosen, haben allerdings eine relativ klischeehafte Vorstellung ihres Alltags: „Alkohol, Drogen, Betteln und „Schnorren“. Allerdings ist dies nicht die komplette Wahrheit. Natürlich trifft dies in einigen Fällen zu, doch meistens erweisen sich diese Überlegungen als zu übertrieben. Auch sind diese Annahmen den Obdachlosen gegenüber diskriminierend. Meistens gibt es von Seiten der Gesellschaft Vorurteile gegenüber Clochards, doch oftmals verschulden sie ihre Lage nicht selbst

Zu bestimmten Tageszeiten, wie zum Beispiel zur Mittagszeit, sieht man viele Heimatlose an belebten Orten wie Großstätten. Durch das Betteln hoffen sie auf ausgiebige Spenden. Meistens leben sie von diesen Spenden. Doch auch soziale Hilfsstellen, wie die Caritas oder Wohngemeinschaften, helfen ihnen. Viele von ihnen versuchen durch einen Nebenverdienst, wie durch das Sammeln von Flaschen oder das Verkaufen von Zeitungen, wie zum Beispiel den Straßenkreuzer (Obdachlosenzeitung aus Nürnberg), ihre finanzielle Lage aufzubessern.

Viele Obdachlose haben Schlafstörungen. Sie sind meist ständigem Lärm ausgesetzt. Sie übernachten unter Brücken, auf Parkbänken, an Bahnhöfen oder auch in abgelegenen Gassen. Zudem leiden einige unter ständigen Verfolgungsängsten, da sie häufig zum Opfer von kriminellen Handlungen werden, welche meist durch alkoholisierte Jugendliche oder andere Obdachlose verursacht werden.

Soziale Einrichtungen (beispielsweise von bestimmten Kirchen) bieten den Hilfsbedürftigen die Möglichkeit, Sanitäranlagen zu nutzen. Sie können sich dort waschen, Zähne putzen, bekommen Einwegrasierer zur Verfügung gestellt und können in manchen Fällen sogar duschen. Zudem gibt es ehrenamtliche Suppenküchen, die den Wohnungslosen gegen eine kleine Spende eine (warme) Mahlzeit zubereiten. Die Diakonien bieten günstige Kleidung und Alltagsgegenstände an.

Allerdings gibt es auch diejenigen, die keine spezielle Hilfe annehmen möchten. Sie haben sich freiwillig dafür entschieden, auf der Straße zu leben, oder sind auch so mit ihrer Situation zufrieden.

Die Gemeinschaft der Obdachlosen ist eine Gesellschaft mit eigenen Regeln. Sie schließen weniger Freundschaften, weil sie untereinander konkurrieren. Sie streiten sich oft um die besten Schlafplätze und manche von ihnen haben ihr eigenes ,,Revier‘‘. Es herrscht Konkurrenzkampf ums „Überleben“.

Zudem verbringen sie Zeit mit ihrem ,,Haustier‘‘. Diese Art von Menschen versucht, durch das Halten eines Tieres ihrer Einsamkeit zu bezwingen und sich die Zeit zu vertreiben. Es gibt ihnen neue Lebenskraft, Verantwortung für ein anderes Leben zu übernehmen.

Wegen ihrer Situation verfallen viele Obdachlose dem Drogenkonsum. Sie versuchen damit ihrem Alltag zu entfliehen, indem sie Ablenkung durch Rauschmittel suchen. Sie verwenden meist ihr ganzes Einkommen für ihre Sucht.

Viele der Klischees, welche die Gesellschaft gegenüber den Obdachlosen hat, treffen nicht immer zu. Es ist von Fall von zu Fall unterschiedlich, jedoch sieht der Alltag bei den meisten Wohnungslosen ähnlich aus: Übernachtungen an öffentlichen Orten, Betteln an belebten Orten, Rivalitätskämpfe untereinander, Beschaffung von Lebensmitteln durch Hilfsorganisationen. In Einzelfällen gibt es Menschen, die den Weg der Obdachlosigkeit freiwillig gewählt haben. Einige von ihnen geben sich jedoch Mühe, wieder in den Alltag zurückzufinden und dem Teufelskreis der Obdachlosigkeit zu entkommen.

 

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Warum werden Menschen obdachlos?

„Es ging schnell. Plötzlich stand ich da. Ohne Haus, ohne Familie, ohne Freunde und vor allem ohne Perspektive. Obwohl es mir ein paar Wochen vorher noch gut ging. Ich lebte mit meiner Freundin in einer schönen Wohnung, arbeitete als Dachdecker, hatte Freunde auf die ich mich verlassen konnte, dachte ich zumindest. Doch dann ging es ganz schnell. Mein Chef wurde wegen Steuerhinterziehung festgenommen, die Firma ging pleite, mit meiner Freundin hatte ich immer öfter Streit. An einem Tag im September setzte sie mich schließlich vor die Tür. „Sie könne mich ja nicht ewig versorgen“, meinte sie. Da stand ich nun. Nur mein Fahrrad, mein Rucksack und ich. Innerhalb weniger Wochen hatte ich alles verloren- ich war obdachlos geworden“, berichtet Simon in einem Interview mit der „Zeit“.

Wer in Deutschland auf der Straße lebt ist selbst schuld, denken viele Menschen. Schließlich gibt es ein soziales Netz. Dass es trotzdem fast jeden treffen kann, zeigt Simons Geschichte.

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Obdachlosenhilfe im Landkreis Weißenburg-Gunzenhausen

Sommer wie Winter sind Obdachlose den Launen der Natur ausgesetzt. Hunger und Krankheiten sind eine Folge dieser schrecklichen Umstände.

Obdachlosigkeit ist nach Angaben von BAG Wohnungshilfe e.V. für 350.000 Menschen, die in ihrem Leben keine Perspektive mehr sehen, in Deutschland Alltag. Obdachlose erhalten im Rahmen der Grundsicherung für Arbeitsuchende (§ 1 SGB II) bzw. Sozialhilfe, Hilfe zum Lebensunterhalt. Daneben besteht ein Anspruch auf alle notwendigen Maßnahmen, die geeignet sind, soziale Schwierigkeiten abzuwenden, zu beseitigen, zu mildern oder ihre Verschlimmerung zu verhindern. Aber welche öffentlichen Einrichtungen helfen diesen verarmten Menschen?

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Obdachlosigkeit in Gunzenhausen

Exklusiv für unsere Zeitung „Himmeldach“ haben wir mit dem Leiter des Ordnungsamts unserer Stadt, Stefan Brändlein, am 19.11.2015 ein Interview über die Obdachlosigkeit in Gunzenhausen geführt.

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