Grundlage für Verständigung ist Sprache

Interview mit der ehemaligen SMG-Lehrerin Frau Gerner, die jetzt ehrenamtlich Flüchtlingen Sprachunterricht gibt.

Integration*. Dieses Wort begegnet uns zurzeit recht häufig, wenn über die aktuelle Flüchtlingsproblematik gesprochen wird. ‚Flüchtlinge sollen sich integrieren. Sie sollen Deutsch lernen!‘ Solche Aussagen hört man oft. Doch wie sieht die Umsetzung von ‚Integration‘ aus?  Zwei aus unserem Team haben sich dazu mit Frau Gerner, einer ehemaligen Lehrerin des SMG, getroffen. Sie engagiert sich ehrenamtlich und gibt Flüchtlingen Sprachunterricht, um ihnen unsere Sprache und Kultur näher zu bringen, und sie war bereit, uns ein paar Fragen zu dem Thema zu beantworten.

Warum haben Sie sich entschieden, Sprachunterricht für Flüchtlinge zu geben?

Also, es gab drei verschiedene Gründe. Erstens wurden Leute gebraucht, zweitens bin ich im Ruhestand und da hat man auch Zeit so etwas zu tun, und drittens habe ich eigentlich schon immer gerne unterrichtet und Freude daran, die Fortschritte zu sehen, und Spaß daran, mit Menschen zu arbeiten.

Wie sind Sie die Sache angegangen?  Welche Gefühle hatten Sie vor Ihrer ersten „Unterrichtsstunde“?

Es war ein gewisses Gefühl der Unsicherheit. „Was erwartet mich da?“ Denn die Mackenmühle in Pleinfeld war ja die erste große Einrichtung im Landkreis insofern… Ja, das Gefühl der Unsicherheit. „Was erwartet mich? In welchem Zustand sind die Menschen, die dort sind?“ Man hatte das zu diesem Zeitpunkt nur aus der Presse und aus dem Fernsehen gekannt.

Natürlich habe ich mich dann auf meine erste Unterrichtsstunde perfekt vorbereitet. Das war im Nachhinein aber sehr lustig, weil es nämlich kein Unterricht war. Es lief überhaupt nicht wie Unterricht ab! Denn es war eine völlig heterogene (unterschiedliche) Gruppe von den Lernvoraussetzungen, vom Alter, von der Nationalität her. Das Lernumfeld war auch eine Katastrophe, weil wir keinen Unterrichtsraum hatten, wir hatten keine Unterrichtsmittel, wir hatten also gar nichts. Weder die Lehrer noch die Schüler. Ich musste eine Tafel organisieren – ein Flip Chart haben wir bekommen – aber es hat trotzdem an allem gefehlt. Es waren auch keine Bücher da, mit denen wir hätten unterrichten können.

Wie war Ihr erster Eindruck von der Situation in der Notunterkunft für Flüchtlinge? Wie war der Unterricht?

Also, man ist am Anfang in eine große Halle reingekommen. Da waren einzelne Parzellen abgeteilt mit Bauzäunen, die mit Plastikfolien verkleidet waren, wo dann die Leute gewohnt haben. Ein Teil der Halle war abgetrennt, wo sie essen konnten und wo dann auch der Unterricht stattfand. Ihr könnt euch vorstellen, in der einen Ecke haben sie Tischtennis gespielt, in der anderen sind Kinder mit dem Roller herumgefahren, wieder andere haben laut telefoniert; „Wie soll man da Unterricht halten?“ Wir haben also gefragt, ob wir nicht ein Zimmer haben können. Die haben uns dann so ein dunkles Eck abgeteilt. Also es war ungünstig. Und allein schon der Lärmpegel! Dagegen ist es hier in der Schule klösterliche Stille.

Und von Unterricht im eigentlichen Sinn kann man auch nicht sprechen, da, wie gesagt, zum einen viele verschiedene Nationalitäten dabei waren. Das ging von Syrern über Vietnamesen, Irakern, Ukrainern, Leuten aus dem Kosovo…. Also, alle möglichen Nationalitäten und Sprachen. Dann vom Bildungsstand her: ich hatte sowohl Studierte mit Beruf, einen Ingenieur, eine Studentin aus dem Iran und ein Mädchen aus Vietnam (die war ganz toll) und die Ukrainer, die wirklich lesen und schreiben konnten, aber auch solche, die das nicht konnten. Und dadurch, dass das ein Erstaufnahmelager war, sind die eben alle gekommen, und teilweise ganz schnell – nach 2 bis 4 Wochen – wieder weg gewesen. Das heißt, der Unterricht war nicht kontinuierlich. Und ich bin jedes Mal mit der Ungewissheit dahin gegangen: „Was ist denn heute? Wer kommt heute zum Unterricht?“ Die, die länger da waren, kamen schon regelmäßig. Ich habe dann auch meine Vorstellung von Unterricht revidiert und einfach zwei große Körbe gepackt mit Gegenständen des alltäglichen Lebens.  Also Löffel, Gabeln, Obst hatte ich immer dabei, und Kekse für die Kinder. Manche, das habe ich auch gemerkt, die konnten gar nicht schreiben. Dann habe ich das Alphabet mit ihnen gemacht. Also, von Unterricht würde ich nicht reden. Das war ein erstes Kennenlernen der Sprache und der Kultur.

Wie alt waren Ihre ‚Schüler‘ ungefähr?

Es ging bei 3 los bis 70 würde ich sagen. Und je nach Kulturkreis hatte ich nur Männer – ich weiß nicht, was mit den Frauen war –  die habe ich dann zu meinem Auto geführt und habe ihnen die Teile auf Deutsch erklärt. Das hat ihnen sehr gut gefallen. Natürlich habe ich mal wieder Kupplung und Bremse verwechselt, das hat ihnen dann noch besser gefallen. *lacht* Und es waren auch alle ganz verschieden. Einmal hatte ich eine Gruppe, die wollten dann unbedingt ‚Beim Arzt‘, und dann haben wir die Körperteile besprochen. Sachen wie Kopf, Ohren etc. und Sätze wie „Ich habe Halsweh.“

Bezüglich der Verständigung kann man sagen: es war eigentlich fast immer jemand da, der Englisch gesprochen hat, so dass man sich verständigen konnte und der für die anderen übersetzt hat. Und das fand ich auch toll! Egal, welche Nationalität, sie haben sich das, was ich versucht habe, ihnen zu verklickern, gegenseitig erklärt. Es war immer jemand da. Zum Beispiel war da ein ukrainischer Junge, der war höchstens 10, der war fit. Wie überhaupt die Kinder am allerschnellsten gelernt haben. Das Zählen mit Gummibärchen und die Farben…

Ich habe immer einen Kochtopf dabei gehabt und da war immer ‚die Überraschung‘ drin. Und das haben sie nach dem zweiten Mal sofort gewusst, dass da Gummibärchen oder Kekse oder Erdbeeren (wenn es welche gab) drin waren. Da waren sie immer begeistert.

Wie schnell haben sie gelernt?

Das war sehr unterschiedlich. Man hat auch die verschiedenen Kulturen sehr gut sehen können, wie sie sich gegenüber dem Lehrer verhalten haben und wie sie sich überhaupt verhalten haben. Zum Beispiel die Vietnamesin war wirklich klug und die hat jedes Wort mitgeschrieben, das ich gesagt habe. Aber die hat nur etwas gesagt oder geantwortet, wenn sie gefragt wurde. Und sie hätte sicher schon etwas sprechen können, doch sie hat von sich aus nichts gesagt. Der kleine Ukrainer, der hat genau gewusst, was er sagen kann und war immer am Plappern. Das ist ja auch das Wichtigste beim Sprachen- Lernen. Aber von einem wirklichen Lernfortschritt könnte man da jetzt auch nicht sprechen. Wie gesagt, sie haben einmal Deutsch gehört. Sie sind ja auch in diesem Lager sehr weitab von allem. Das ist ein paar Kilometer von Pleinfeld weg. Freilich war dort die Security, aber das waren auch nicht alles Deutsche. Dann gab es die Ehrenamtlichen und die Mitarbeiter der Diakonie, das waren die Deutschen, aber sonst haben sie eigentlich nie einen ‚richtigen Deutschen‘gesehen.

Aber Lernfortschritt… Das Wort passt einfach nicht. Sie haben sich sehr gefreut, wenn ich gekommen bin und manche haben gesagt, ich soll jeden Tag kommen. *lacht* Das wäre natürlich zu viel! Ich war nur einmal die Woche dort, um zu unterrichten; meistens freitags oder Samstag Morgen und bin ich dann, je nachdem, eine Stunde geblieben oder manchmal auch länger. Das war relativ unstrukturiert. Aber ich denke trotzdem, dass es den Leuten etwas gebracht hat.

Was haben Sie persönlich aus diesen ‚Unterrichtsstunden‘ mitgenommen?

Naja… Es ist das Wichtigste, dass jemand, der fremd in ein Land kommt, die Sprache und sich ausdrücken lernt und etwas versteht, weil sonst geht gar nichts mit Integration. Die Leute sollen ja auch einmal arbeiten bei uns und dafür sind Deutschkenntnisse einfach nötig. Sie können auch unsere Werte nicht verstehen, wenn sie die Sprache nicht verstehen, jedenfalls bis zu einem gewissen Grad. Natürlich freut es einen und es tut einem auch gut, wenn man sieht, die Kinder lernen ganz schnell das Zählen oder so. Auch bei machen Erwachsenen konnte man schon einen Fortschritt sehen. Und von diesem Fortschritt lebt der Lehrer, so muss man das sagen. Wenn man unterrichtet und es macht einem Spaß, dann geht man in dieser Tätigkeit auf. Das ist zwar auch sehr anstrengend, das merkst du schon, aber du vergisst alles um dich herum – auch das Chaos – und kommunizierst mit den Leuten und das ist das Tolle, wenn du merkst: „Oh, sie haben dich verstanden! Sie wollen mit dir reden! Egal wie!“ Mit den Frauen hab ich dann über das Kochen geredet, dann habe ich einmal Nähzeug mitgebracht… So kamen wir ins Gespräch… Über die Kinder kamen wir auch ins Gespräch…  Das ist das, was ich davon gehabt habe: eine erfüllte Zeit und das Gefühl, etwas Sinnvolles getan zu haben. Etwas Sinnvolles und dringend Nötiges!

Und inwiefern hilft die Regierung mit?

Unsere Regierung tut zwar hier und da etwas, aber es ist immer noch kein Konzept vorhanden. Also, was denn nun zu geschehen hat mit diesen Leuten, die hier sind oder die ankommen, was sie können müssen. Und ich denke, das könnte man festlegen. Sie müssen alle Deutsch bis zum Niveau A1 (unterster europäischer Referenzrahmen) lernen. Und der Unterricht sollte auch von ausgebildeten staatlichen Lehrern gehalten werden, nicht von irgendwelchen Ehrenamtlichen! Dadurch wäre auch ein großer Teil der Integration geschafft. Die Regierung braucht einfach ein Konzept und das muss allgemein für alle gültig sein. Basta! Ich meine, jetzt ist es hier schon besser organisiert – es wird aus den Erfahrungen gelernt – und da hat jemand die Leitung, aber das ist nicht unser Staat. Der Staat sollte Interesse daran haben, dass da Ordnung reinkommt. Sie sollten den Leuten Arbeit geben, irgendetwas zu tun, dass sie das Gefühl haben, sie verdienen sich den Aufenthalt. Ein Einwanderungsgesetz à la Kanada oder Schweiz: ein Punktesystem mit Voraussetzungen, das müssen alle können… Aber die Leute müssen auch als Menschen behandelt werden und nicht in eine Unterkunft gepfercht werden und dann macht man gar nichts. Ich denke, die Behörden und die Regierung sind schon von dem Problem überrollt worden, obwohl sie eigentlich damit hätten rechnen können…

Wie wichtig ist es, dass sich Schüler hier engagieren und mithelfen?

Das wäre, denk ich, auch extrem wichtig, weil ihr seid ja die Generation, die dann mit diesen Menschen leben müssen. Insofern ist das wirklich wichtig. Und dass ihr euch auch gegenseitig kennenlernt und dieser „clash of cultures“ möglichst abgefedert wird, denn ich denke mit den Muslimen wird es schon Probleme geben. Die haben andere Vorstellungen und andere Werte und unsere müssen ihnen, wenn sie da sind, nahegebracht werden. Es ist wichtig, dass man sich gegenseitig kennenlernt und sich versteht. Die, die hier bleiben wollen, müssen eben unsere Werte akzeptieren. Sonst geht unsere Gesellschaft den Bach runter.

Für die Zukunft würde ich sagen, wir müssen uns alle engagieren! Auch deshalb, damit es eben nicht so ausartet wie mit diesen Rechtsradikalen. Aber hätte man rechtzeitig die Bevölkerung darauf vorbereitet, was ungefähr auf uns zukommt – genau konnte es ja keiner wissen – und wie wir damit umzugehen gedenken… Da sind wir wieder: wenn wir ein Konzept und einen Plan hätten, wenn unsere Regierung sagen würde: „So machen wir es“, dann könnten diese Rechten gar nicht so hochkommen. Aber wenn ich natürlich hier dieses Gefühl hinterlasse: „Wir sind alle mehr oder weniger hilflos!  Jeder muss sich selber schützen“, dann ist das schlecht! Dann können auch Gerüchte entstehen, und das ist auch schlecht! Etwa, dass sie im Supermarkt klauen dürfen und so, was natürlich nicht stimmt! Ich meine, die haben hier zu essen und leben in Frieden. Und das, denke ich, muss man auch betonen: dieser Frieden kommt von unserer Gesellschaft, weil wir versuchen Konflikte friedlich auszutragen und weil jede Religion gleich viel wert ist.

Pusteblume: Liebe Frau Gerner, vielen Dank für dieses sehr informative Gespräch!

*Integration: der Vorgang, dass jemand bewusst durch bestimmte Maßnahmen dafür sorgt, dass jemand ein Teil einer Gruppe wird.

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