Allein in einem fremden Land

 Täglich machen sich tausende Flüchtlinge auf den Weg nach Europa, in der Hoffnung, hier ein besseres Leben zu finden. Unter ihnen auch der junge Afghane Sharif, der als UMF, also als Unbegleiteter Minderjähriger Flüchtling, nach Deutschland kam. Nach einem 2- wöchigen Aufenthalt in München wurde die Wülzburg in Weißenburg zu seinem neuen Zuhause. Wenn er nicht gerade in der Schule ist oder seiner Ausbildung als Kfz-Mechatroniker mit großem Eifer nachgeht, trifft man ihn entweder auf dem Fußballplatz, wenn er mit seinen deutschen Mannschaftskollegen des SSV Oberhochstatt trainiert oder in Weißenburg beim Volleyballspielen. Aus gutem Grund wird er von seinem Vormund Frau Frei mit großem Lob beschrieben und aufgrund seines Eifers und Lernwillens als „Vorzeigeflüchtling“ bezeichnet. Wir haben uns für euch mit ihr und ihrem Schützling getroffen und ihnen einige Fragen gestellt.

 

Wann haben sie die Vormundschaft für Sharif übernommen und was sind Ihre Aufgaben dabei?

Sharif ist Anfang letzten Jahres als Minderjähriger nach Deutschland gekommen und gilt somit als UMF. Alle UMFs bekommen in Deutschland einen Vormund, den es auch in anderen Fällen für Jugendliche schon gibt, zum Beispiel bei Entzug des Sorgerechts oder wenn die Eltern vor der Volljährigkeit des Kindes sterben, quasi einen Eltern-Ersatz zur Seite gestellt, der sich um alles kümmert, wie z.B. Rechtsgeschäfte. Dadurch, dass Sharif jetzt hier alleine ist, habe ich das hier übernommen. Ich bin offiziell vom Jugendamt und vom Amtsgericht Weißenburg im März 2015 als dessen Vormund bestellt worden. Damals hatte gerade die Unterkunft speziell für UMFs eröffnet. Dort sind sie vorwiegend Jungs, da die Flucht für Mädchen um einiges gefährlicher ist als für Männer. Die Vormundschaft endet mit Vollendung des 18. Lebensjahrs und aufgrund der Pauschalisierung der Münchner Beamten, die, wenn sich die Jugendlichen nicht ausweisen konnten, einfach den 1.1. als Geburtstag festsetzten, ist er offiziell schon vollmündig. Sharif ist aber tatsächlich am 23.3.98 geboren, wurde also erst vor kurzem vollmündig, aber die Amtsvormundschaft hat trotzdem schon zum 1.1. geendet, eben, weil er sich nicht ausweisen konnte. Allerdings besteht für ihn die Möglichkeit, sein Geburtsdatum beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge richtig zu stellen.

 

Welche Erfahrungen haben Sie schon gemacht?

Ich hatte neben Sharif noch für zwei andere Jugendliche die Vormundschaft übernommen, die aber mittlerweile schon volljährig sind. Zu dem Zeitpunkt letztes Jahr waren allerdings sehr viele verunsichert. Es fing schon beim Amtsgericht an, auch die Situation in München war neu, deswegen musste man sich da ein bisschen durchschlagen, um überhaupt herauszufinden, was man überhaupt genau machen muss bei UMFs. Man musste es erstmal ausprobieren und das war auf alle Fälle interessant und interessant finde ich auch die Beobachtung, wie wahnsinnig schnell die Jugendlichen sich umstellen und lernen können. Gerade bei Sharif, der jetzt seit einem Jahr in Deutschland ist und wirklich schon sehr gut Deutsch spricht und schreibt, habe ich das erlebt. Ich kommuniziere mit ihm auch immer über den Nachrichtendienst „WhatsApp“ und ich verstehe es immer und auch die Grammatik kann er schon richtig anwenden. Sharif hat aber auch einen wahnsinnigen Willen, was man auch daran sieht, dass er innerhalb kürzester Zeit die Sprache gelernt und sich um einen Job bemüht hat. Am Anfang, als er hier ankam, war alles neu für ihn, er war dann in einer Extraklasse in der Berufsschule, in der erst einmal nur Deutsch unterrichtet wurde. Aber auch schon da hat man sein Engagement erkennen können, er wollte nämlich nachmittags und am Wochenende noch weiter lernen. In den Ferien hat er dann einige Praktika gemacht und hätte sogar zwei Ausbildungsstellen bekommen, und konnte sich so für die bessere entscheiden, die er am 1.12. angetreten hat. Mich freut es zu sehen, dass es für ihn jetzt aufwärts geht und er hier sicher ist.

 

Hat er schon ein Bleiberecht?

Also, sein Interview beim Bundesamt hatte er noch nicht, den Asylantrag, der auch unter meinen Aufgabenbereich fällt, habe ich letztes Jahr im März gestellt und man sieht, dass er immer noch nicht bearbeitet ist. Dadurch, dass er eine dreijährige Ausbildung macht, hat er einen Aufenthaltsstatus und kann durch das Projekt „3+2“ fünf Jahre in Deutschland sicher bleiben. Das nimmt eine große Last von seinen Schultern, da er immer Angst davor hatte, wieder zurück zu müssen.

 

Es heißt ja immer, es ist so schwierig mit der Kultur zurecht zu kommen, gab es irgendwelche Komplikationen?

Also zwischen uns beiden nicht, im Gegenteil, ich erlebe Sharif immer als sehr höflich, ganz ausgesprochen höflich, zwischen uns gab es nie Probleme, die kulturell bedingt waren. Auch mit seinen Mitbewohnern auf der Wülzburg gibt es keine Komplikationen. Obwohl sie sich von der Sprache zwar nicht immer verstehen, kochen sie zusammen. Probleme mit seinen teilweise sehr jungen Betreuerinnen sind mir auch nicht zu Ohren gekommen.

 

Was würden Sie sich wünschen, dass sich in der Gesellschaft und in der Politik ändert, damit es für Asylbewerber im Allgemeinen leichter wird?

Mein größter Wunsch ist es erst einmal, dass die Menschen in ihren Herkunftsländern in Frieden leben könnten, sodass es gar keine Asylbewerber mehr geben müsste. Denn ich sehe natürlich auch, dass Menschen, die zu uns kommen auch ein Stück weit entwurzelt werden und viel Negatives erlebt haben, und ich würde mir wünschen, dass man das den Menschen generell erspart. Man sieht es jetzt auch teilweise in den Medien, wie Familien oftmals über Wochen, Monate, manchmal auch über Jahre hinweg auf der Flucht sind und dazwischen immer wieder für lange Zeit in Camps sitzen. Aber auch wir Europäer müssen erkennen, dass wir durch unser Verhalten an den Fluchtursachen Mitschuld haben. Das fängt schon bei der Ernährung an. Wir wollen hier nur noch Hähnchenschenkel essen und machen damit den ganzen Hähnchenmarkt in Afrika kaputt, weil der Abfall dann dorthin kommt und die Afrikaner ihre eigenen Hähnchen nicht mehr vermarkten können. Außerdem machen wir den Markt auch indirekt dadurch kaputt, dass wir Kleider sammeln und nach Afrika schicken. Das hat zur Folge, dass sie ihre Kleider dann nicht mehr selber nähen und ihre Stoffe nicht mehr bearbeiten können. Wir sind mit unserem Verhalten auch dafür verantwortlich, dass es Menschen in anderen Ländern nicht immer so gut geht, auch durch Waffenlieferungen usw., und deswegen würde ich mir wünschen, dass sich die politisch Verantwortlichen dafür einsetzen, dass die Menschen in ihren Herkunftsländern leben können, dass die Herkunftsländer befriedet werden, und dass die Gelder, die wir zur Verfügung stellen, auch vor Ort dafür eingesetzt werden, dass es den Menschen dort besser geht.

 

Anschließend hat uns noch interessiert, ob Sharif noch Kontakt zu seiner Familie habe und diese auch vorhabe, nach Deutschland zu kommen.

„Ja, ich habe noch Kontakt und sie würden auch gerne nach Deutschland kommen, aber es ist nicht einfach, denn zum einen ist die Flucht sehr schwierig und außerdem sind meine Eltern schon ungefähr 40 und meine Geschwister noch sehr klein, es geht also leider nicht.“ Auf die Frage, was er sich für seine Zukunft wünscht, antwortete er ganz bescheiden mit: „Mir ist es wichtig, dass ich hierbleiben und meine Ausbildung zu Ende machen kann, denn in meinem Land geht das nicht, weil da immer Kämpfe sind.“

 

 

Linda K., Luisa W.

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