Mitten unter uns

Wie ihr sicher alle mitbekommen habt ist die aktuelle Flüchtlingssituation zurzeit ein großes Thema in Deutschland, das nicht nur in Politikerkreisen, sondern auch bei uns in der Schule und im Alltag heiß diskutiert wird.
Auch auf Pusteblume könnt ihr dazu einige Beiträge lesen (->alle Artikel zum Thema).
Wir wollten euch jedoch auch einmal zeigen, wie es Flüchtlingen in Deutschland mehrere Jahrzehnte nach der Flucht aus ihrem Heimatland geht. Dazu haben wir ein Gespräch mit einer Schülerin unserer Schule geführt, deren Eltern nach dem Zerfall der Sowjetunion nach Deutschland geflohen sind, um dort ein besseres Leben für sich und ihre Familie zu suchen.
 
Wie erging es deinen Eltern nach ihrer Ankunft in Deutschland?
Als meine Eltern nach Deutschland kamen wohnten sie zunächst über ein Jahr in einem Erstaufnahmelager, bis sie zu ihrem Interview geladen wurden und über ihren Asylantrag entschieden wurde. Danach wurde ihnen eine Zweizimmerwohnung nahe Gunzenhausen zugeteilt. Diese Wohnung mussten sie sich mit einer weiteren Familie teilen, welche nicht einmal dieselbe Sprache sprach. Als mit mir dann auch noch ein Kind hinzukam, war das natürlich doppelt chaotisch.
 
Wie war es für dich, in diesem Umfeld aufzuwachsen?
Wir wohnten in dieser Zeit mit mehreren verschiedenen Familien zusammen, von denen nur eine aus demselben Land stammte wie wir. Da war auch alles relativ einfach und man hat sich gut verstanden. Aber man kann sich ja vorstellen, dass es nicht leicht ist, mit einer Familie zu wohnen, mit der man sich kaum verständigen kann, zu kochen, so dass alle zufrieden sind oder sich mit ihnen über Monate hinweg ein Bad zu teilen. Das wäre wahrscheinlich für niemanden einfach…
Hinzu kam, dass das Viertel, in dem wir lebten, nicht gerade als Luxusgegend bezeichnet werden konnte. Wir wohnten direkt bei den Gleisen, auf denen ständig Güterzüge fuhren, es stank oft nach den Abgasen von nahegelegenen Fabriken und die Wiese vor unserem Haus wurde relativ bald asphaltiert, um Platz für parkende LKWs zu schaffen. Eine schöne Umgebung war das sicher nicht.
Es war auch immer ein recht komisches Gefühl, Freunde zu sich einzuladen, von denen man bereits wusste, dass sie ein eigenes Haus, ein eigenes Zimmer und auch sonst so vieles besaßen, was wir uns einfach nicht leisten konnten. Meine Eltern durften als Asylanten damals nicht zur Arbeit gehen und bekamen auch fast kein Geld vom Staat – nicht direkt zumindest. Wir bekamen natürlich jede Woche Essen und erhielten eine Art „Gutscheine“ für Kleidung und Schulsachen für mich und meine Schwester. Aber Geld, wie viele denken, bekamen wir kaum .
 
Bist du deinen Eltern dankbar dafür, dass sie diesen Schritt getan haben und hierhergekommen sind?
Anfangs dachte ich immer, es wäre eigentlich ganz schön, in dem Land zu wohnen, in dem auch meine ganze restliche Familie lebt und das ja eigentlich auch meine Heimat ist. Aber als ich letzten Sommer zum ersten Mal dort war, wurde mir klar, dass ich wirklich Glück hatte, in Deutschland aufgewachsen zu sein. Natürlich ist es toll, nur den Weg über den Hof nehmen zu müssen, um von einer Tante zur nächsten zu kommen und richtig zu verstehen, wie es ist, Oma und Opa bei sich zu haben. In Deutschland hatte ich das nie, meine ganze Familie waren meine Eltern und meine Schwester. Aber ich habe auf dieser Reise auch gesehen, wie zerrüttet das Land war. Die Verhältnisse waren wirklich noch um einiges schlechter als das, was ich in meiner Kindheit erlebt hatte. Man lebte zusammen auf engstem Raum, meine Cousinen teilten sich zu viert ein winziges Zimmer. So etwas wie eine Krankenversicherung gibt es dort nicht und wer es zu etwas bringen will kann das nur erreichen, wenn er die nötige Summe bezahlen kann. Du kannst noch so schlau sein, aber du wirst nie erfolgreich werden, wenn du nicht genug Geld hast. Das Land ist ein Entwicklungsland, in dem noch nicht wirklich viel entwickelt ist. Von bestechlichen Polizisten über schlechte Straßen bis hin zu kaputten und tristen Schulen, die mehr an ein Gefängnis erinnern; da war wirklich alles dabei!
An Deutschland finde ich vor allem gut, dass man so gut wie alles erreichen kann, wenn man hart genug dafür arbeitet und den nötigen Willen zeigt. Das ist dort einfach nicht möglich.
 
Kannst du sagen, dass du dich zu einem Land mehr zugehörig fühlst als zu einem anderen?
Es ist wirklich komisch. Egal wo ich hingehe, komme ich mir wie die Ausländerin vor. Sowohl in Deutschland, als auch in meinem Heimatland, wo man mir einfach ansieht, dass ich aus Europa komme. Aber auf der anderen Seite fühle ich mich auch in beiden Ländern zuhause. Ich bin in Deutschland aufgewachsen, habe mein ganzes Leben hier verbracht, aber mein Heimatland ist eigentlich ein anderes. Und auch während ich dir das hier erzähle, fühle ich mich geteilt. Natürlich bin ich deutsch, aber ich erzähle dir über meine Heimat in einem anderen Land.
 
Was könnte man bei der Integration von Flüchtlingen deiner Meinung nach besser machen, insbesondere bei der von Jugendlichen?
Man sollte auf jeden Fall mehr Verständnis aufbringen. Man kann nicht erwarten, dass ein Kind, das daheim nur in seiner Muttersprache spricht, Aufsätze in flüssigstem Deutsch verfasst. Ich gehe zwar jetzt aufs Gymnasium, aber das musste ich mir alles selbst erarbeiten. Ich hatte nie wirklich jemanden, der mir bei der Hausaufgabe oder Referaten geholfen hat, weil es einfach niemand konnte. Außerdem sollte man kleineren Kindern besser vermitteln, warum jetzt ein Kind in ihrer Klasse ist, das nicht dieselbe Sprache spricht und aus einem anderen Land stammt. Viele Kinder verstehen auch nicht, warum man zum Beispiel kein eigenes Haus oder Zimmer hat. Oft wird man dann gleich als „arm“ abgestempelt. Aber in Wirklichkeit geht es einfach nicht anders. Das ist eben so.
 
 
Ich persönlich finde, dass man aus diesem Gespräch sehr gut lernen kann, nicht zu voreilig über die Betroffenen in dieser Situation zu urteilen, sondern auch einmal darüber nachzudenken, was man da aufschnappt und weitererzählt. Vieles davon basiert nämlich nur auf einer Menge dummer Vorurteile, wie ihr jetzt hoffentlich wisst. Falls ihr Lust habt noch mehr über das Thema zu erfahren kommt ihr hier zu einer Sammlung aller Artikel, die wir zu diesem Thema verfasst haben.
 
 
Alicia Stieglitz

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